Enttäuscht, Wütend, Fassungslos

Am Donnerstag, dem 29.10.2020, wurden 19 größtenteils obdachlose Personen von der Polizei gezwungen, die Habersaathstraße 46 zu verlassen. Sie waren dort einige Stunden zuvor eingezogen, um dem Winter und der Gewalt der Straße zu entkommen.

Wir sind enttäuscht, wir sind wütend, wir sind fassungslos.
Letzte Woche war der erste Kältetote dieses Winters in unserer Stadt zu beklagen. Tausende sind auf Berlins Straßen der Kälte ausgeliefert.
Diese Woche wurde einem schlafenden obdachlosen Menschen der Kopf mit einem Stein zerschlagen. Tausende sind auf Berlins Straßen der Gewalt ausgeliefert.
Diese Woche haben sich jeden Tag 920 Menschen mit Corona infiziert. Tausende sind auf Berlins Straßen dem Virus ausgeliefert.
Obdachlose haben eine Lebenserwartung von 49 Jahren. Obdachlosigkeit tötet. Wohnungen schützen.

Die Wohnungen in der Habersaathstraße standen bis Donnerstag fast alle leer. Es ist unerträglich, dass in Berlin Menschen auf der Straße sterben während Wohnraum bezugsfertig leersteht. Die BesetzerInnen wollten nichts anderes als sich selbst schützen. Sie wollten ihr fundamentales Recht auf Leben und Gesundheit einfordern, das ihnen seit Jahren verwehrt wird. Für ein paar Stunden konnten sie zur Ruhe kommen, konnten ohne Angst schlafen.
Dass der Besitzer des Hauses die nun nicht mehr obdachlosen Menschen rauswerfen möchte war zu erwarten. Er versucht seit Jahren, mit skrupellosen Methoden die verbleibenden MieterInnen loszuwerden, möchte die über hundert Wohnungen abreißen und Luxusapartments bauen.

Wir sind enttäuscht von der Politik, die dieses Spiel mitspielt. Obwohl das Bezirksparlament die Beschlagnahmung des Hauses fordert, setzt sich der zuständige Bürgermeister Stephan von Dassel darüber hinweg und lässt die Wohnungen weiter leerstehen. Obwohl das Gesetz Zweckentfremdung von Wohnraum verbietet, wird das Haus nicht beschlagnahmt.

Wir sind wütend, dass wie bei jeder Räumung obdachloser Menschen Schlafsäcke, Isomatten, Zelte von der Polizei beschlagnahmt wurden, dass Eigentum scheinbar nur für Hauseigentümer geschützt ist.

Wir sind fassungslos, dass Menschen der Kälte und Gewalt der Straße ausgesetzt werden um spekulativen Leerstand zu erhalten. Fassungslos, dass Grundrechte obdachloser Menschen weniger zählen als die Profite eines millionenschweren Investors.

Wir fordern:

  1. Die sofortige Beschlagnahmung der Habersaathstraße 40 – 48: Die Zweckentfremdung muss beendet, selbstbestimmer Wohnraum für die verbleibenden MieterInnen und obdachlose Menschen zur Verfügung gestellt werden.
  2. Keine Strafverfolgung für die BesetzerInnen: Wer sein Recht auf Leben und Gesundheit einfordert darf nicht dafür bestraft werden!
  3. Übergabe der berschlagnahmten Schlafsäcke und Isomatten an die obdachlosen Menschen.

Berliner Obdachlosenhilfe e.V., 01.11.2020